Zwei Mann, ein Boot
 

Es ist Ende Oktober im Sauerland. Anlässlich einer spontanen Anfrage nutze ich das noch milde Wetter für das letztes Kanucoaching dieser Saison.

Freitag abend treffe ich meinen Kunden im Hotel zum Vorgespräch. Am Samstag morgen möchten wir zusammen mit dem Boot auf die Coaching-Reise gehen. Mir gegenüber sitzt ein Mann, Ende dreißig, in lockerer Freizeitkleidung. Nach den ersten Sätzen erkenne ich eine Führungskraft durch und durch. Der Habitus, der aufmerksame Blick, die direkte Art und die Präzision der Fragen offenbaren den routinierten Macher und Kommunikator. Organisation, Projektgespräche und Verhandlungssituationen sind sein täglich Brot, wie ich von meinem Kunden im weiteren Gespräch erfahre. Er erzählt mir von seiner Beanspruchung durch Stress und möchte von mir genau wissen, welche Vorschläge ich für das Coaching am nächsten Tag auf dem See habe. Nachdem alle wichtigen Fragen zum Ablauf, zur Sicherheit im Boot und zum Inhalt geklärt sind, vertagen wir uns auf den nächsten Morgen. Mein Kunde ist sehr erfahren im Umgang mit Menschen. Ich freue mich auf einen anspruchsvollen nächsten Tag.

Am nächsten Morgen sind wir auf dem Gelände des Yacht- und Ruderclubs Attendorn am Biggesee verabredet. Der Himmel ist herbstlich bewölkt, aber es ist trocken. Wir laden gemeinsam das Boot ab. Es sind ein paar Meter bis zum Wasser der Talsperre. Auf dem Steg weise ich meinen Kunden in die Paddeltechnik ein, danach beladen wir das Boot mit den wasserdichten Gepäcktonnen für Wertsachen, Coachingmaterial und Verpflegung für unser leibliches Wohl. Dann ziehen wir unsere Schwimmwesten an und legen vom Ufer ab. Den See teilen wir heute morgen nur mit ein paar Wasservögeln. Die Natur um uns herum liegt in herbstlicher Ruhe. Das Kanu gleitet auf der großen Wasserfläche dahin, und die Ufer bleiben schnell zurück. Mein Kunde berichtet mir von seinem Arbeitsumfeld und an der Art wie er paddelt lerne ich bereits eine Menge über seine Belastung.
In dieser Art fahren wir eine ganze Weile, während mein Kunde immer mehr die Umgebung wahrnimmt und kommentiert. Auch der Paddelschlag wird ruhiger, gleichmäßiger, -nur ein wenig. Wir halten uns nahe am Ufer, der Wind kommt von vorn und das Kanu schneidet elegant durch die anlaufenden Wellen.

Nachdem wir eine ganze Weile gefahren sind, suchen wir uns einen passenden Platz am Ufer, um mit der Coachingarbeit zu beginnen. Wir nehmen uns ausreichend Zeit. Das gesamte Lebenssystem, Verhaltensweisen, Werte und Einstellungen beleuchten wir gemeinsam. Die Arbeit fordert uns beide heraus. Mein Kunde entdeckt „Entwicklungspotential“ und verarbeitet neue Perspektiven. Ich behalte den Prozess im Blick. Wie üblich und ganz natürlich, melden sich Zweifel und Widerstände. Meine wertschätzenden Nachfragen und die klare Benennung „wunder Punkte“ schaffen Vertrauen und Zuversicht. So stellt sich schließlich eine ausgewogene Erkenntnis ein. Mein Kunde nimmt eine alternative Strategie zum Umgang mit belastenden Situationen mit.

Nach guten zwei Stunden beenden wir unsere Arbeit. Wir stoßen das Boot zufrieden und entspannt vom Ufer ab. Den Rückweg geniessen wir plaudernd auf dem See.

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